Die kleine Antigone
Polyneikes und sein Bruder Eteokles erhalten beide den Königsthron nachdem Ödipus, der Vater und König, stirbt. So soll Polyneikes ein Jahr regieren und den Tron danach für ein Jahr an Eteokles abgeben. Das ist jedoch eine ziemlich ungünstige Idee, denn die beiden Brüder gieren seit sie denken können nach der Krone und so ist es unvermeidlich (wie in Tragödien eben immer alles unvermeidlich ist), dass beide in Streit geraten. Sie stürzen die Stadt Theben in einen Bürgerkrieg und sterben Arm im Arm, das Schwert in des jeweils anderen Brust. Später wird einer der beiden, Eteokles, als Held gefeiert werden, während der andere als Sündenbock herhalten muss.
Die kleine Antigone, ein schmächtiges Mädchen mit schwarzem, zausigem Haar, ist die Schwester der beiden Gefallenen. Sie spielt oft allein, denkt viel nach, will alles verstehen. Als sie noch jünger war, blickte sie neidvoll zu ihrer Schwester Ismene, so schön und unbeschwert lebend, lachend und jedermanns Liebling. Aber mit der Zeit hat sie sich an ihr Rolle gewöhnt und viele Menschen achten sie für ihr Anderssein. Aber eben jenes Anderssein, diese Hingabe an alles Ehrliche und Natürliche, diese trotzige Hinterfragung von Autoritäten und Dogmatismen musste ihr zu guterletzt zum Verhängnis werden. Warum musste sie auch dem Gesetz von Kreon trotzen?
Kreon, der Onkel von Anigone, ist ein Mann, der nach außen stark wirkt, weil er es nunmal muss. Als sich die Söhne des Ödipus’ gegenseitig ermordeten, wurde ihm die Krone aufgesetzt und er musste das Land nach besten Wissen und Gewissen regieren, ob er nun wollte oder nicht. Immerhin haben es diejenigen am Schwersten, die in Zeiten größtem Chaos’ an die Macht gelangen. Er musste eine Lösung finden, um Frieden über das Land zu bringen und so war es seine erste Amtshandlung, ein Verbot auszusprechen, welches jedem die Todesstrafe bringt, der den verachteten Polyneikes begräbt.
Es ist so, dass die Seelen der Toten ewig umherirren, werden die Leiber nicht begraben. Jedem Menschen steht ein solches Begräbnis zu, man nennt dies das Götterrecht und so ist es nicht verwunderlich, dass Antigone ihren Bruder dennoch zuscharrt. Mit dem Bestattungsverbot Kreons, verstößt dieser gegen das Götterrecht und mit dem Verstoß Antigones gegen Kreons Gesetz verletzt sie das Landesrecht. Weder Kreon, noch Antigone sind in der Lage anders zu handeln und am Ende werden beide bestraft. Antigone bezahlt mit ihrem Leben und Kreon verliert Frau und Sohn.
Steht die Schuldfrage in Sophokles’ Antigone nicht zur Debatte, da das Schicksal jedem Menschen eine gewisse Rolle im Leben zuteilt, die er zu spielen hat, verteilt Anouilh die Karten in seiner 1942 erschienenen Neubearbeitung der Antigone etwas anders. Die inneren Konflikte von Kreon und Antigone zeigen, dass beide sehr wohl in der Lage wären ihre Entscheidungen zu überdenken und die Katastrophe abzuwenden. Kreon möchte Antigone nicht töten lassen und Antigone möchte leben. Kreon bietet ihr sogar an, sie davonkommen zu lassen, wenn sie niemandem von ihrer Tat erzählt. Am Ende stirbt sie aber doch auf gleiche Weise wie bei Sophokles, obwohl Anouilh andeutet, dass Antigone nicht mehr weiß, warum sie unbedingt ihr Leben lassen musste. Vielleicht weil es immer wieder Menschen geben MUSS, die sich gegen ein ungerechtes System auflehnen und es lautstark hinterfragen. Aber wenn Antigone so handeln muss, obwohl sie ihr Leben liebt, wo ist dann der freie Wille und gibt es dann nicht doch so etwas wie das Rad des Schicksals?

Marianne
says:
Ich grüß dich mal ganz lieb, hab nicht alles gelesen, der Laptop muß jetzt schlafen gehen.
Grüßlis ♥ Marianne
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Gudrun
says:
Liebe Nissa,
das Thema ist heute genau so aktuell wie damals.
Bei uns wird niemand mit dem Leben bestraft, wenn er sich auflehnt, aber trotzdem halten die meisten ihren Mund, wenn sie Ungerechtigkeiten bemerken und sehen. Es ist eben unbequem, die Auflehnung. Und abgestraft wird man manchmal auch. Eine Zeit lang hat mich das unglaublich traurig gemacht. Jetzt habe ich ganz für mich beschlossen, wie es weiter gehen soll und kann. Und auch bei Wahlen werde ich nie wieder das “kleinere Übel wählen”. Nein!
Ich schicke dir liebe Grüße in dein Studierstübchen
[Antwort]
minibar
says:
Thron-Nachfolgen waren schon immer problematisch und sind es heute noch, wie an der aktuellen Diskussion über das englische Königshaus zu lesen ist.
Uns allen ist unser Leben vorbestimmt. Im Prinzip können wir kaum etwas ändern.
Dir alles Gute ♥
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